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Volkstrauertag, Denkmal unweit der Marienkirche
© Kathleen Behrens 


V O L K S T R A U E R T A G  │  2 0 2 1


…zunächst war es die Melodie aus dem Akkordeon von Barbara Hofmann, die alle Anwesenden zum Innehalten und Erinnern einlud.

Im Beisein von Vertretern der SPD und CDU-Fraktionen des Stadtrates, dem Ilsenburger Pfarrer Peter Müller, Mitgliedern des Harzklubs und weiteren Anwesenden erinnerte Bürgermeister Denis Loeffke an das Schicksal des im Grenzgebiet erschossenen Otto Scholz im Jahre 1959.



Wer Otto Scholz war und was mit ihm geschah:


Als Otto Scholz am 13. September 1959 den Auftrag erhielt, Holz im unmittelbaren Grenzgebiet zu schlagen, ahnte er nicht, dass ihn Kontrollposten für einen Fahnenflüchtling halten könnten.

Zum Ende des Krieges fanden Otto Scholz und seine Angehörigen als Vertriebene im Nordharz ihre neue Heimat. Nach dem er die Forstfachschule als Forstingenieur beendete, verpflichtete er sich für eine dreijährige Dienstzeit bei der Grenzpolizei. Bereits nach einem Jahr bei der Grenzpolizei wurde ihm eine Revierförsterstelle in der Region in Aussicht gestellt, die er nach dem Ende seiner Dienstzeit übernehmen sollte.

Am Morgen des 13. September 1959 befahl ihm der Wirtschaftsgruppenführer der Grenzabteilung Ilsenburg in der Nähe der Pappenfabrik Eckertal Holz zu schlagen. Kontrollposten, die über den Holzeinschlag nicht informiert waren, nahmen unweit der besagten Stelle ein abgestelltes Motorrad wahr und hielten Otto Scholz für einen Fahnenflüchtling. Der Kontrollposten machte von seiner Schusswaffe Gebrauch und tötete Otto Scholz.

Otto Scholz wurde nur 21 Jahre alt und hinterließ seine Ehefrau, mit der er erst 23 Tage zuvor den Bund fürs Leben geschlossen hatte. Der Ehefrau gegenüber behauptete man, ihr Mann sei einem bedauerlichen Unfall zum Opfer gefallen.

Der Unteroffizier, der den tödlichen Schuss abgab, wurde zunächst in Arrest genommen. Bei der nachfolgenden Untersuchung rechtfertigte er den Schusswaffengebrauch und sah sich durch den Kommandeur der 2. Grenzbrigade bestätigt: "ein toter Desserteur könne beim "Klassengegener" keine Aussagen mehr machen". Wenig Später stellte der Militärstaatsanwalt das Verfahren wegen Totschlags gegen Klaus B. ein. Otto Scholz war im Jahre 1959 bereits das dritte Opfer aus den Reihen der Grenzpolizei, der von seinen eigenen Kameraden erschossen worden war.

In den neunziger Jahren ermittelte die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) den Aufenthalt des Schützen und vernahm ihn erneut.

Klaus B. erklärte dabei im Gegensatz zu seinen früheren Angaben und den Aussagen von Zeugen, er habe lediglich auf ein Rascheln der Zweige hin „Halt, stehenbleiben, Deutsche Grenzpolizei!“ gerufen und Warnschüsse abgegeben. Den im Unterholz arbeitenden Forstwirt Otto Scholz habe er gar nicht gesehen und auch nicht auf ihn gezielt. Zu einer Anklageerhebung gegen Klaus B. kam es nicht mehr. Er verstarb im Januar 1994.

ZERV 

Die Zentrale Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) war eine existierende Berliner Polizeibehörde zur strafrechtlichen Aufarbeitung der SED- und DDR-Vergangenheit. Sie wurde 1991 gegründet und im Jahr 2000 wieder aufgelöst.



Gedenkstele "Otto Scholz" im Eckertal
© Kathleen Behrens